Führung & Krisenorganisation

Kommunikation ist Teil des SicherheitssystemsWas Unternehmen von der Luftfahrt lernen können

In der Luftfahrt kann ein missverstandener Satz innerhalb weniger Sekunden zum Sicherheitsproblem werden. Eine falsch verstandene Höhenfreigabe, ein Zahlendreher oder eine unklare Aussage darüber, ob eine Startbahn frei ist, lassen sich nicht immer später korrigieren. Gleichzeitig arbeiten Piloten und Fluglotsen unter denselben Bedingungen wie Menschen in anderen anspruchsvollen Berufen: Zeitdruck, hohe technische Komplexität, Müdigkeit, Ablenkung und gelegentlich unvollständige Informationen.

Die Luftfahrt hat darauf über Jahrzehnte mit Verfahren reagiert, die menschliche Fehlbarkeit ausdrücklich berücksichtigen. Sie verlässt sich nicht darauf, dass hochqualifizierte Menschen einfach keine Fehler machen. Vielmehr versucht sie, Fehler möglichst früh sichtbar zu machen und ihre Folgen zu begrenzen.

Dazu gehören standardisierte Kommunikation, gegenseitige Kontrolle, Checklisten, klare Rollen, regelmäßiges Training und eine systematische Auswertung von Zwischenfällen und Beinahe-Ereignissen. Vieles davon lässt sich auf Unternehmen übertragen, insbesondere auf Bereiche, in denen Entscheidungen unter Zeitdruck getroffen werden: IT-Betrieb, Produktion, Leitstellen, Krisenstäbe oder Managementteams.

Tenerife: Kommunikation unter schlechten Bedingungen

Zu den bekanntesten Beispielen gehört die Kollision zweier Boeing 747 auf Teneriffa am 27. März 1977. KLM-Flug 4805 begann auf der Startbahn mit dem Startlauf, während sich eine Boeing 747 von Pan Am noch auf derselben Bahn befand. 583 Menschen kamen ums Leben.

Der Unfall entstand nicht durch einen einzigen Fehler. Beide Flugzeuge waren nach einem Bombenanschlag auf Gran Canaria nach Teneriffa umgeleitet worden. Der Flughafen war stark belastet, dichter Nebel schränkte die Sicht ein und die Besatzungen standen unter erheblichem Zeitdruck.

Hinzu kamen Probleme in der Funkkommunikation. Der Copilot der KLM verwendete nach dem Zurücklesen einer Streckenfreigabe eine Formulierung, die unterschiedlich verstanden werden konnte. Gleichzeitig meldete die Pan-Am-Besatzung, dass sie die Startbahn noch nicht verlassen hatte. Funksprüche überlagerten sich teilweise.

Auch im Cockpit der KLM bestanden Zweifel. Der Flugingenieur fragte, ob die Pan-Am-Maschine die Startbahn tatsächlich verlassen habe. Der Kapitän ging davon aus, dass dies der Fall war. Der Zweifel führte nicht mehr zu einer erneuten Überprüfung.

Der Unfall zeigt, wie mehrere kleine Unsicherheiten in kurzer Zeit zusammenlaufen können. Zeitdruck, eingeschränkte Sicht, Funkstörungen, missverständliche Formulierungen und eine starke Autorität des Kapitäns verstärkten sich gegenseitig.

Die Konsequenzen daraus prägen die Luftfahrt bis heute. Funksprache soll möglichst eindeutig sein. Bestimmte Begriffe werden nur in klar definierten Zusammenhängen verwendet. Bei sicherheitskritischen Anweisungen wird zudem nicht vorausgesetzt, dass eine gesendete Nachricht automatisch richtig verstanden wurde.

Für Unternehmen liegt darin eine sehr praktische Lektion. Je größer die Folgen eines Missverständnisses sein können, desto weniger sollte die richtige Interpretation einer Information vom individuellen Sprachgefühl abhängen.

Eine Information ist erst dann angekommen, wenn sie verstanden wurde

Im Unternehmensalltag gilt eine Information häufig als übermittelt, sobald sie verschickt wurde.

Die Mail ist raus. Im Meeting wurde es gesagt. Der Hinweis steht im Teams-Kanal.

In sicherheitskritischen Bereichen reicht das nicht.

Im Flugfunk werden wichtige Anweisungen zurückgelesen. Der Pilot wiederholt beispielsweise eine Höhenfreigabe oder eine Startbahnzuweisung. Der Fluglotse hört diese Wiederholung und kann unmittelbar korrigieren, wenn etwas falsch verstanden wurde. Dieses Verfahren wird als Readback/Hearback bezeichnet.

Damit entsteht eine geschlossene Kommunikationsschleife. Der Empfänger bestätigt nicht nur, dass er etwas gehört hat, sondern zeigt zugleich, was bei ihm angekommen ist.

Gerade in Krisensituationen fehlt dieser Mechanismus in Unternehmen häufig.

Ein Krisenstab entscheidet beispielsweise: „Server X muss isoliert werden.“ Einige Minuten später heißt es: „IT hat das System vom Netz genommen.“

Was genau bedeutet das? Wurde lediglich eine Netzwerkverbindung getrennt? Wurde die virtuelle Maschine heruntergefahren? Sind abhängige Systeme ebenfalls betroffen? Ist die Maßnahme vollständig umgesetzt?

Solche Fragen wirken im Normalbetrieb kleinlich. Während eines Cyberangriffs können sie erheblich sein.

Deshalb lohnt es sich, bei kritischen Aufträgen drei Dinge sauber zu trennen: Was soll getan werden, wer übernimmt es und wann gilt die Aufgabe als erledigt. Die Rückmeldung gehört dazu.

Schweigen ist keine Bestätigung.

Hierarchie funktioniert nur, wenn Widerspruch möglich bleibt

Ein weiterer wichtiger Fall für die Entwicklung des Crew Resource Management war United-Airlines-Flug 173.

Die Maschine befand sich am 28. Dezember 1978 im Anflug auf Portland, als es eine ungewöhnliche Anzeige des Fahrwerks gab. Die Besatzung brach den Anflug ab und beschäftigte sich intensiv mit dem möglichen technischen Problem.

Währenddessen sank der Treibstoffvorrat immer weiter.

Der Flugingenieur äußerte mehrfach Bedenken. Die Dringlichkeit der Situation führte jedoch nicht rechtzeitig zu einer grundlegenden Änderung des Vorgehens. Schließlich fielen wegen Treibstoffmangels die Triebwerke aus. Die Maschine stürzte wenige Kilometer vor dem Flughafen ab. Zehn Menschen starben.

Der Unfall wurde später zu einem wichtigen Beispiel für die Weiterentwicklung des Crew Resource Management.

Dabei ging es keineswegs darum, die Rolle des Kapitäns abzuschaffen. Im Cockpit muss weiterhin klar sein, wer die Verantwortung trägt. Problematisch wird Hierarchie dort, wo relevante Informationen nicht mehr wirksam nach oben gelangen.

Das ist in Unternehmen nicht anders: Ein Mitarbeiter kann formal jederzeit Bedenken äußern. Entscheidend ist, was danach passiert.

Wird nachgefragt? Wird die Information überprüft? Muss der Mitarbeiter damit rechnen, als schwierig oder illoyal wahrgenommen zu werden? Oder gehört es selbstverständlich zur Aufgabe, eine riskante Entscheidung anzusprechen?

Besonders sichtbar wird dieses Problem in Krisenstäben. Die Person mit der höchsten Entscheidungskompetenz ist nicht zwangsläufig diejenige mit dem besten technischen Verständnis eines einzelnen Problems. Bei einem Cyberangriff kann ein Administrator mehrere Hierarchieebenen unterhalb der Geschäftsführung genau die Information besitzen, von der eine Entscheidung über Produktionsstillstand oder Wiederanlauf abhängt.

Ein funktionierender Krisenstab braucht deshalb klare Entscheidungswege, aber gleichzeitig direkte fachliche Kommunikation.

Kritische Phasen brauchen weniger Kommunikation, nicht mehr

Die Luftfahrt kennt das Prinzip des „sterile cockpit“. Während bestimmter kritischer Flugphasen dürfen Besatzungsmitglieder keine Tätigkeiten oder Gespräche führen, die für den sicheren Flugbetrieb nicht erforderlich sind.

Der Hintergrund ist einfach: Aufmerksamkeit ist begrenzt.

Das lässt sich in Unternehmen besonders gut während Störungen beobachten.

Bei einem größeren IT-Ausfall telefonieren mehrere Führungskräfte gleichzeitig mit Technikern. Parallel laufen verschiedene Chats. Jemand braucht Zahlen für die Geschäftsleitung. Ein anderer möchte eine Einschätzung für die Kundenkommunikation. Gleichzeitig soll das operative Team herausfinden, warum zentrale Systeme nicht funktionieren.

Ein Teil der Belastung entsteht dann nicht durch die eigentliche Störung, sondern durch die Organisation selbst.

Auch Unternehmen können kritische Arbeitsphasen definieren, in denen Kommunikation bewusst kanalisiert wird. Das operative Team sollte in dieser Zeit nicht jede Statusanfrage selbst beantworten müssen. Ein Krisenstab oder eine definierte Schnittstelle sammelt Informationen und verteilt sie weiter.

Das reduziert Kommunikation nicht grundsätzlich. Es schützt die Personen, die gerade konzentriert arbeiten müssen, vor unnötigen Unterbrechungen.

Checklisten helfen dort, wo Routine unter Stress unzuverlässig wird

Checklisten gehören zu den sichtbarsten Elementen der Luftfahrt. Ihr Zweck wird außerhalb der Luftfahrt gelegentlich missverstanden.

Sie ersetzen keine Ausbildung und keine Erfahrung. Ein Pilot wird nicht deshalb umfassend trainiert, um anschließend lediglich eine Liste abzulesen.

Checklisten sichern Punkte ab, die trotz Routine vergessen werden können. Genau das macht sie insbesondere unter Stress wertvoll.

Menschen verändern ihr Verhalten unter Belastung. Aufmerksamkeit verengt sich, Abläufe werden übersprungen und vermeintlich selbstverständliche Schritte können verloren gehen.

In Unternehmen tritt dasselbe bei seltenen, aber kritischen Ereignissen auf.

Wer nur alle paar Jahre einen Krisenstab aktiviert, wird den Ablauf nicht so routiniert beherrschen wie einen täglichen Geschäftsprozess. Dasselbe gilt für die Reaktion auf einen Ransomware-Angriff, die Evakuierung eines Standorts

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