Lieferketten & geopolitische Abhängigkeiten

LÜKEX 2026Deutschland probt die Krise durch Dürre und extreme Hitze

Eine mehrjährige Dürre, Temperaturen von bis zu 45 Grad und zunehmende Einschränkungen der öffentlichen Versorgung: Mit der LÜKEX 2026 stellt Deutschland sein nationales Krisenmanagement auf die Probe. Das Szenario ist keineswegs so unwahrscheinlich, wie es zunächst klingt. Bereits 2019 warnte eine Risikoanalyse des Bundes vor den erheblichen Folgen einer langanhaltenden Trockenperiode. Die Übung wirft auch die Frage auf, wie gut Unternehmen auf Krisen vorbereitet sind, die sich über Wochen und Monate entwickeln.

Die größte nationale Krisenmanagementübung Deutschlands

Vom 4. bis 6. November 2026 findet die zehnte Länder- und Ressortübergreifende Krisenmanagementübung, kurz LÜKEX, statt. Unter der Koordination des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) beteiligen sich fast 180 Organisationen. Damit erreicht die Übungsreihe ihren bislang größten Umfang.

Zehn Bundesländer, darunter Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz, sind mit mehr als 60 Landesministerien vertreten. Hinzu kommen fast 20 Bundesbehörden, Hilfsorganisationen sowie Betreiber Kritischer Infrastrukturen. Rund 100 Organisationen nehmen aktiv an der Übung teil, weitere etwa 80 sind begleitend eingebunden.

Die Vorbereitungen laufen bereits seit 2024. Bis Ende 2025 wurden rund 30 organisationsbezogene Vertiefungsübungen durchgeführt, deren Erkenntnisse in die Kernübung einfließen.

Anders als bei klassischen Katastrophenschutzübungen werden keine Einsatzkräfte in ein fiktives Schadensgebiet entsandt. Die LÜKEX konzentriert sich auf die strategische Führungsebene. Ministerien, Behörden und Krisenstäbe müssen eine komplexe Lage bewerten, Informationen austauschen, Handlungsoptionen entwickeln und ihre Entscheidungen miteinander abstimmen.

Geübt werden insbesondere die ressort- und länderübergreifende Zusammenarbeit, ein gemeinsames Lageverständnis, strategische Entscheidungsprozesse und die Krisenkommunikation.

Das gewählte Szenario ist anspruchsvoll, weil es zahlreiche Lebens- und Wirtschaftsbereiche gleichzeitig betrifft und sich nicht innerhalb weniger Tage bewältigen lässt.

Wenn sich eine Krise über Jahre entwickelt

Die Ausgangslage der LÜKEX 2026 ist eine mehrjährige Dürre mit außergewöhnlich geringen Niederschlägen in Deutschland und Europa. Grundwasserstände und Wasserreserven sind bereits belastet, landwirtschaftliche Erträge beeinträchtigt und die Wasserstände wichtiger Flüsse deutlich gesunken.

Auf diese Situation folgt eine mehrwöchige Hitzewelle mit Temperaturen von bis zu 45 Grad Celsius.

Die Auswirkungen betreffen insbesondere das Gesundheitswesen, die Landwirtschaft, die Umwelt, den Verkehr und die öffentliche Sicherheit. Hinzu kommen mögliche Folgewirkungen für die Energieversorgung, industrielle Produktionsprozesse und die Trinkwasserversorgung.

Solche Entwicklungen verlaufen anders als die Krisenszenarien, auf die viele Organisationen vorbereitet sind. Ein Stromausfall oder ein Cyberangriff lässt sich zeitlich relativ eindeutig bestimmen. Bei einer Dürre ist das schwieriger.

Anfangs handelt es sich um ungünstige Wetterbedingungen. Danach folgen sinkende Wasserstände, Einschränkungen bei der Entnahme, Transportprobleme oder steigende Produktionskosten. Einzelne Unternehmen passen ihre Abläufe an, Wasserversorger nutzen vorhandene Reserven und Behörden erlassen gegebenenfalls erste Beschränkungen.

Die Belastungen nehmen zu, ohne dass sich zwangsläufig ein einzelner Zeitpunkt bestimmen lässt, an dem die Situation zur Krise wird.

Genau darin liegt ein Problem für das Krisenmanagement. Organisationen können lange versuchen, Schwierigkeiten mit ihren üblichen Mitteln zu bewältigen. Werden übergeordnete Krisenstrukturen erst aktiviert, wenn diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, bleiben für grundlegende Entscheidungen möglicherweise nur noch wenige Handlungsoptionen.

Bereits 2019 lag eine umfassende Risikoanalyse vor

Das Dürreszenario der LÜKEX ist keine neue Überlegung des Bevölkerungsschutzes.

Bereits am 12. April 2019 legte die Bundesregierung dem Bundestag ihre Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz für das Jahr 2018 vor. Im Mittelpunkt stand ein sechsjähriges Dürreereignis, dessen Annahmen auf einer historischen Trockenperiode von 1971 bis 1976 beruhten.

Für das Modell wurde die Niederschlagsmenge gegenüber diesen Referenzjahren um 25 Prozent reduziert und die mittlere Temperatur um ein Grad erhöht. Die Untersuchung sollte die möglichen Auswirkungen eines besonders schweren, aber grundsätzlich plausiblen Dürreereignisses darstellen.

Die Ergebnisse waren bemerkenswert.

Die Analyse beschrieb unter anderem örtliche Unterbrechungen der leitungsgebundenen Trinkwasserversorgung, Einschränkungen der Binnenschifffahrt, erhebliche Ernteausfälle, eine angespannte Stromversorgung und eine starke Belastung des Gesundheitswesens. Auch regionale Stromausfälle wurden als mögliche Folge betrachtet.

Ausdrücklich verwies der Bericht darauf, dass Ersatzwasserversorgungen für besonders sensible Einrichtungen wie Krankenhäuser und Pflegeheime eine erhebliche Herausforderung darstellen können.

Für die Wirtschaft erwartete die Analyse überregionale Schäden, Produktionsausfälle und erhebliche Beeinträchtigungen insbesondere in der Stahl- und Chemieindustrie.

Bemerkenswert ist, dass viele dieser Zusammenhänge schon damals bekannt waren. Die LÜKEX 2026 greift auf die damalige Untersuchung zurück und entwickelt das Szenario für die heutige Krisenmanagementübung weiter.

Die Risikoanalyse von 2018 und das Übungsszenario von 2026 sind dabei nicht identisch. Die ältere Untersuchung liefert eine fachliche Grundlage, während die beteiligten Organisationen ihre konkreten Übungsinhalte selbst ausgestaltet haben.

Wie realistisch ist eine solche Lage?

Deutschland gehört nicht zu den klassischen Wassermangelregionen Europas. Im bundesweiten Durchschnitt stehen vergleichsweise große Wasserressourcen zur Verfügung. Diese Betrachtung verdeckt jedoch erhebliche regionale Unterschiede.

Nach Angaben des Umweltbundesamtes fiel das Frühjahr 2026 außergewöhnlich trocken aus. Deutschlandweit wurden lediglich 126 Liter Niederschlag pro Quadratmeter gemessen. Das entsprach 68 Prozent des langjährigen Mittelwertes von 1961 bis 1990.

Auch der Juni war mit rund 66 Litern pro Quadratmeter trockener als üblich. Die Verteilung war regional sehr unterschiedlich. Während am Alpenrand stellenweise erhebliche Niederschlagsmengen gemessen wurden, fielen beispielsweise am Mittel- und Oberrhein, in Unterfranken und im Großraum Berlin teilweise nur 15 bis 30 Liter pro Quadratmeter.

Bereits 2025 hatte die deutschlandweite Niederschlagsmenge rund 17 Prozent unter dem langjährigen Mittel gelegen.

Daraus lässt sich keine unmittelbar bevorstehende mehrjährige Dürre ableiten. Die Daten belegen allerdings, dass ausgeprägte Trockenphasen und regionale Unterschiede bei der Wasserverfügbarkeit auch in Deutschland erhebliche Bedeutung haben.

Hinzu kommt, dass nicht jede Form von Trockenheit dieselben Folgen hat.

Eine geringe Bodenfeuchte beeinträchtigt zunächst die Vegetation und Landwirtschaft. Niedrige Flusswasserstände können den Güterverkehr und bestimmte industrielle Nutzungen einschränken. Sinkende Grundwasserstände entwickeln sich dagegen über längere Zeiträume und können Auswirkungen auf die öffentliche Wasserversorgung haben.

Auch längere Regenperioden führen nicht zwangsläufig dazu, dass sich tiefere Grundwasservorräte unmittelbar erholen.

Für die Krisenvorsorge bedeutet das, dass regionale Gefährdungen, lokale Wasserressourcen und die Abhängigkeiten der Infrastruktur getrennt untersucht werden müssen.

Wasser wird zum Verteilungskonflikt

Eine der schwierigsten Fragen bei einer langanhaltenden Dürre betrifft die Verteilung begrenzter Wasserressourcen.

Die öffentliche Wasserversorgung gehört nach § 50 Wasserhaushaltsgesetz zur Daseinsvorsorge. Gleichzeitig benötigen zahlreiche andere Bereiche Wasser, um ihre Aufgaben erfüllen zu können.

Landwirtschaftliche Betriebe sind auf Bewässerung angewiesen, Industriebetriebe benötigen Wasser für Produktions- und Kühlprozesse, Kraftwerke teilweise zur Kühlung. Auch die Ökosysteme selbst sind auf ausreichende Wassermengen angewiesen.

Diese Anforderungen können miteinander konkurrieren.

Die Bundesregierung hat deshalb bereits im März 2023 eine Nationale Wasserstrategie verabschiedet. Sie soll unter anderem Wasserressourcen langfristig sichern, Nutzungskonflikten vorbeugen und die Wasserinfrastruktur an veränderte klimatische Bedingungen anpassen. Das Aktionsprogramm umfasst 78 Maßnahmen, die schrittweise bis 2030 umgesetzt werden sollen.

In einer akuten Mangellage reicht eine langfristige Strategie allein allerdings nicht aus.

Behörden müssen beurteilen, welche Entnahmen weiterhin zulässig sind, welche Einschränkungen erforderlich werden und welche Konsequenzen sich daraus für die Versorgung ergeben. Dabei sind die jeweiligen wasserrechtlichen Rahmenbedingungen und die örtliche Lage maßgeblich.

Eine Industrieanlage kann möglicherweise ihre Produktion reduzieren. Bei einem Krankenhaus, das Wasser für Hygiene, Sterilisation und medizinische Versorgung benötigt, ist diese Möglichkeit wesentlich begrenzter.

Hinzu kommt die Wasserqualität. Eine Ersatzversorgung lässt sich nicht allein durch die Bereitstellung von Tankfahrzeugen oder Notbrunnen sicherstellen. Das Wasser muss für den jeweiligen Verwendungszweck geeignet sein. Bei einer Abgabe als Trinkwasser gelten auch während einer Krisenlage die einschlägigen hygienischen Anforderungen.

Die Risikoanalyse des Bundes von 2018 weist ausdrücklich auf diese Problematik hin.

Für das gesamtstaatliche Krisenmanagement entstehen damit Entscheidungen, bei denen sich nicht alle Interessen gleichermaßen berücksichtigen lassen.

Niedrigwasser: Was auf dem Rhein passiert, betrifft die gesamte Wirtschaft

Welche wirtschaftlichen Folgen niedrige Wasserstände haben können, zeigte bereits das Dürrejahr 2018.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ging die Güterbeförderung der Binnenschifffahrt damals gegenüber dem Vorjahr um 11,1 Prozent zurück. Besonders betroffen war das zweite Halbjahr. Im November 2018 lag die beförderte Gütermenge sogar 36,1 Prozent unter dem Vorjahresmonat.

Die Einschränkungen trafen vor allem Unternehmen, die auf Massenguttransporte angewiesen sind. Dazu gehören unter anderem die Chemieindustrie, Stahlproduzenten und Teile der Energieversorgung.

Ein Binnenschiff kann bei niedrigem Wasserstand häufig nur noch mit reduzierter Ladung fahren. Unter ungünstigen Bedingungen müssen einzelne Verbindungen vollständig eingestellt werden.

Die naheliegende Alternative, Güter auf die Schiene oder die Straße zu verlagern, stößt schnell an Grenzen.

Bereits die Risikoanalyse von 2018 stellte fest, dass sich die ausfallenden Transportkapazitäten der Binnenschifffahrt nicht vollständig durch die Bahn ersetzen lassen.

Das ist für das Business Continuity Management ein wesentlicher Punkt. Ein Unternehmen kann einen alternativen Transportdienstleister vertraglich vereinbart haben. Daraus folgt noch nicht, dass dieser bei einer großflächigen Krise tatsächlich die benötigten Kapazitäten bereitstellen kann.

Wenn zahlreiche Unternehmen gleichzeitig auf dieselben Alternativen zurückgreifen, kann die vermeintliche Redundanz ihre Wirkung verlieren.

Ein sinnvoller Notfallplan muss deshalb auch die Kapazität und Verfügbarkeit der vorgesehenen Ersatzlösung unter den Bedingungen des konkreten Szenarios betrachten.

Kühlwasser und Energieversorgung: Unterschätzte Abhängigkeiten

Der Zusammenhang zwischen Wasser und Energieversorgung verdient besondere Aufmerksamkeit.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verwendeten Betriebe in Deutschland im Jahr 2022 insgesamt rund 12,75 Milliarden Kubikmeter Wasser. Davon entfielen etwa 82,9 Prozent auf Kühlzwecke.

Diese Zahlen beziehen sich auf den betrieblichen Wassereinsatz und dürfen nicht mit dauerhaft verbrauchtem Wasser gleichgesetzt werden. Ein erheblicher Teil des Kühlwassers wird nach der Nutzung wieder abgegeben. Für den Betrieb ist jedoch entscheidend, dass Wasser in geeigneter Menge und Temperatur verfügbar ist und die rechtlichen Voraussetzungen für Entnahme und Wiedereinleitung eingehalten werden können.

Bei niedrigen Flusswasserständen und hohen Wassertemperaturen können diese Voraussetzungen eingeschränkt sein.

Thermische Kraftwerke mit Flusswasserkühlung müssen unter Umständen ihre Leistung reduzieren. Gleichzeitig steigt während einer Hitzewelle der Strombedarf für die Kühlung von Gebäuden, Produktionsanlagen und technischen Einrichtungen.

Die Risikoanalyse von 2018 beschreibt ausdrücklich dieses Zusammentreffen von eingeschränkter Stromerzeugung und erhöhtem Verbrauch.

Für Unternehmen ergeben sich weitere Abhängigkeiten. Produktionsanlagen, Rechenzentren und technische Infrastrukturen sind auf funktionierende Kühlkonzepte angewiesen. Dabei unterscheiden sich die Risiken je nach eingesetzter Technik erheblich.

Eine unterbrechungsfreie Stromversorgung schützt beispielsweise vor kurzfristigen Stromausfällen. Sie löst jedoch keine Probleme mit einer dauerhaft eingeschränkten Kühlung. Auch ein Notstromaggregat stellt keine ausreichende Absicherung dar, wenn sein Betrieb durch hohe Umgebungstemperaturen beeinträchtigt wird oder die Brennstoffversorgung über längere Zeit nicht gesichert ist.

Diese Zusammenhänge werden in klassischen Notfallkonzepten häufig nur einzeln betrachtet.

Die eigentliche Herausforderung liegt in der Gleichzeitigkeit der Einschränkungen.

Extreme Hitze belastet das Gesundheitswesen und die Arbeitsfähigkeit

Während die Dürre über längere Zeiträume Versorgungsprobleme verursacht, können die gesundheitlichen Folgen extremer Hitze sehr kurzfristig auftreten.

Wie erheblich diese Folgen ausfallen können, zeigen die Zahlen des Robert Koch-Instituts für den Sommer 2026.

Bis zur Kalenderwoche 36 wurden deutschlandweit rund 16.000 hitzebedingte Sterbefälle geschätzt. Das statistische 95-Prozent-Prädiktionsintervall lag zwischen 14.300 und 17.600 Fällen.

Dabei handelt es sich um eine modellbasierte Schätzung. Die Zahl beschreibt nicht die amtlich festgestellten Todesfälle durch Hitzschlag, sondern die statistisch ermittelten Auswirkungen hoher Temperaturen auf die Sterblichkeit. Besonders betroffen sind ältere Menschen und Personen mit bestimmten Vorerkrankungen.

Das Gesundheitswesen muss während solcher Perioden zusätzliche Patientinnen und Patienten versorgen. Zugleich stehen Krankenhäuser, Rettungsdienste und Pflegeeinrichtungen vor eigenen betrieblichen Problemen.

Personal arbeitet unter hoher körperlicher Belastung, Gebäude können sich stark aufheizen und technische Anlagen müssen zuverlässig funktionieren.

In einer länger andauernden Hitzewelle können sich diese Belastungen verstärken, weil Erholungsphasen fehlen und personelle Reserven zunehmend ausgeschöpft werden.

Auch außerhalb des Gesundheitswesens wirkt sich extreme Hitze auf die Arbeitsfähigkeit aus.

Die Technischen Regeln für Arbeitsstätten sehen bei hohen Raumtemperaturen abgestufte Schutzmaßnahmen vor. Bei Temperaturen über 35 Grad Celsius sind Räume ohne besondere Maßnahmen, wie sie für Hitzearbeit vorgesehen sind, während der Überschreitung nicht als Arbeitsräume geeignet.

Für Produktionsbetriebe, Logistikunternehmen und Einrichtungen mit hohem Personalbedarf kann dies erhebliche Auswirkungen haben.

Die Verfügbarkeit von Beschäftigten sollte deshalb nicht ausschließlich unter den üblichen Szenarien Krankheit, Streik oder Personalmangel betrachtet werden. Auch klimatische Belastungen können die Arbeitsfähigkeit ganzer Standorte einschränken.

Warum die LÜKEX vor allem die Krisenstäbe fordert

Die LÜKEX konzentriert sich auf vier übergreifende Fähigkeiten: funktionierende Krisenmanagementstrukturen, ein gemeinsames Lageverständnis, abgestimmte strategische Entscheidungen und eine organisationsübergreifende Krisenkommunikation.

Diese Schwerpunkte sind besonders bei großflächigen und langanhaltenden Krisen relevant.

Eine Landesbehörde verfügt möglicherweise über Informationen zu Trinkwasserreserven, während ein anderes Ressort die gesundheitlichen Folgen bewertet. Betreiber Kritischer Infrastrukturen kennen ihre technischen Grenzen, kommunale Behörden die örtlichen Auswirkungen.

Aus diesen Informationen muss eine gemeinsame Lagebewertung entstehen.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass die Beteiligten unterschiedliche Zuständigkeiten, Informationsstände und Handlungsziele haben.

Ein Wasserversorger betrachtet die Versorgungssicherheit seines Netzes. Ein Krankenhaus muss die medizinische Versorgung aufrechterhalten. Ein Industriebetrieb will längere Produktionsunterbrechungen vermeiden. Die zuständigen Behörden müssen zusätzlich die öffentliche Sicherheit und die Interessen der Allgemeinheit berücksichtigen.

Eine übergreifende Entscheidung kann deshalb für einzelne Beteiligte erhebliche Nachteile haben und trotzdem erforderlich sein.

Solche Zielkonflikte müssen in einer Übung sichtbar werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass zwar Abläufe und Kommunikationswege erfolgreich getestet werden, die schwierigsten Entscheidungen jedoch ausgespart bleiben.

Gerade bei einer Dürre ist das relevant, weil Eingriffe in die Wassernutzung, wirtschaftliche Einschränkungen und Maßnahmen zum Gesundheitsschutz über längere Zeiträume erforderlich werden können.

Die beteiligten Krisenstäbe müssen außerdem mit unvollständigen Informationen umgehen. Prognosen zu Niederschlägen, Wasserverfügbarkeit oder gesundheitlichen Folgen sind mit Unsicherheiten verbunden. Entscheidungen können nicht immer auf eine vollständig gesicherte Datenlage warten.

Eine gute Krisenstabsübung sollte deshalb nicht allein bewerten, ob die richtige Stelle informiert wurde. Sie muss auch untersuchen, ob notwendige Entscheidungen rechtzeitig getroffen, nachvollziehbar begründet und wirksam koordiniert wurden.

Krisenkommunikation als Bestandteil der Entscheidungsfindung

Ein weiterer Schwerpunkt der LÜKEX 2026 liegt auf der Risiko- und Krisenkommunikation.

Dafür hat das BBK eine eigene fiktive Medienumgebung eingerichtet. Die Teilnehmenden werden unter anderem mit simulierten Nachrichtensendungen, Online-Artikeln und Beiträgen in sozialen Medien konfrontiert.

Damit können die Krisenstäbe den Umgang mit öffentlicher Berichterstattung und die Abstimmung ihrer Kommunikation erproben, ohne tatsächliche Meldungen an die Bevölkerung auszulösen.

Bei einer langanhaltenden Dürre ist eine solche Kommunikation anspruchsvoll.

Behördliche Maßnahmen können tief in den Alltag eingreifen. Einschränkungen der Wasserverwendung, veränderte Versorgungsbedingungen oder Maßnahmen zum Gesundheitsschutz müssen verständlich erklärt werden.

Gleichzeitig können unterschiedliche Regelungen in benachbarten Kommunen oder Bundesländern zu Unverständnis führen.

Warum darf ein bestimmter Industriebetrieb weiterhin Wasser entnehmen, während private Haushalte Einschränkungen beachten müssen? Weshalb gelten in einer Kommune andere Regeln als wenige Kilometer entfernt?

Solche Fragen lassen sich nicht allein mit allgemeinen Hinweisen auf die Krisenlage beantworten. Die Verantwortlichen müssen nachvollziehbar darstellen können, auf welcher Grundlage Maßnahmen getroffen wurden und welche Ziele sie verfolgen.

Die Kommunikationsabteilung sollte deshalb bereits in die Lagebewertung und Entscheidungsfindung eingebunden sein. Werden Maßnahmen erst beschlossen und anschließend kommunikativ aufbereitet, lassen sich mögliche Missverständnisse oder Akzeptanzprobleme oft nur noch begrenzt berücksichtigen.

Was das Szenario für Unternehmen bedeutet

Die LÜKEX richtet sich in erster Linie an das staatliche Krisenmanagement. Für Unternehmen bietet das Szenario dennoch einen geeigneten Anlass, die eigene Notfallvorsorge kritisch zu überprüfen.

Viele bestehende Business-Continuity-Konzepte basieren auf der Annahme, dass ein Schadensereignis eintritt und der Normalbetrieb innerhalb einer definierten Zeit wiederhergestellt werden soll.

Bei mehrmonatigen Einschränkungen funktioniert dieser Ansatz nur bedingt.

Ein Unternehmen kann seine IT erfolgreich wiederherstellen und trotzdem nicht produzieren, weil Wasser fehlt. Ein alternativer Lieferant kann grundsätzlich verfügbar sein, aber dieselben Einschränkungen wie der ursprüngliche Lieferant haben. Ein Ausweichstandort kann technisch geeignet sein, aber im gleichen von der Hitze betroffenen Versorgungsgebiet liegen.

Die Business-Impact-Analyse sollte deshalb stärker zwischen der Wiederherstellung einzelner Ressourcen und der langfristigen Aufrechterhaltung der Geschäftsprozesse unterscheiden.

Besonders wichtig sind dabei die Abhängigkeiten von externen Versorgungsleistungen.

Unternehmen sollten wissen, welche Produktionsprozesse auf bestimmte Wasserqualitäten angewiesen sind, welche Kühlkapazitäten erforderlich sind und bei welchen Einschränkungen der Betrieb nicht mehr sicher fortgeführt werden kann.

Ebenso sollten die Auswirkungen auf Personal, Logistik und Energieversorgung untersucht werden.

Neben technischen Maßnahmen geht es um organisatorische Entscheidungen. Welche Mindestproduktion kann bei einer längeren Mangellage aufrechterhalten werden? Welche Prozesse werden zuerst eingeschränkt? Können Aufträge verlagert werden? Wann muss die Geschäftsführung eingreifen?

Für diese Fragen braucht es vorab festgelegte Verantwortlichkeiten und Kriterien.

Eine besondere Rolle spielt die Früherkennung. Bei einem Cyberangriff gibt es meist einen konkreten Anlass für die Aktivierung des Incident- oder Krisenmanagements. Bei einer Dürre müssen geeignete Indikatoren zunächst definiert werden.

Dazu können Wasserstände, behördliche Entnahmebeschränkungen, prognostizierte Temperaturbelastungen, die Verfügbarkeit kritischer Zulieferungen oder technische Grenzwerte gehören.

Aus solchen Beobachtungen sollten nachvollziehbare Eskalationsstufen abgeleitet werden. So können Unternehmen rechtzeitig Maßnahmen einleiten, bevor bereits erhebliche Schäden eingetreten sind.

Auch Übungen sollten diese längeren Zeiträume berücksichtigen.

Ein Krisenstab, der einen simulierten Stromausfall innerhalb weniger Stunden bewältigt, hat damit noch nicht nachgewiesen, dass er auch über mehrere Wochen unter angespannten Versorgungsbedingungen handlungsfähig bleibt.

Bei langanhaltenden Krisen verändern sich Führungsanforderungen. Personal muss abgelöst werden, Entscheidungen müssen dokumentiert und wiederholt überprüft werden. Gleichzeitig nehmen wirtschaftliche Belastungen zu und neue Probleme können auftreten.

Das lässt sich mit einer entsprechend angelegten Stabsrahmenübung untersuchen, ohne sämtliche Wochen des Szenarios tatsächlich durchspielen zu müssen.

Auch die Regulierung verlangt einen umfassenderen Blick auf Resilienz

Das Thema gewinnt zusätzlich durch die regulatorischen Entwicklungen an Bedeutung.

Seit dem 17. März 2026 ist das deutsche KRITIS-Dachgesetz in Kraft. Es dient der Umsetzung der europäischen CER-Richtlinie und schafft einen sektorübergreifenden rechtlichen Rahmen für die physische Resilienz kritischer Anlagen.

Der gesetzliche Ansatz umfasst ausdrücklich naturbedingte Risiken, technische Gefährdungen, Abhängigkeiten zwischen verschiedenen Sektoren und mögliche Auswirkungen auf die Verfügbarkeit kritischer Dienstleistungen.

Vorgesehen sind unter anderem Risikoanalysen, Resilienzmaßnahmen und entsprechende organisatorische Vorkehrungen.

Allerdings befinden sich die zur Umsetzung erforderlichen Rechtsverordnungen teilweise noch in Vorbereitung. Nach den derzeitigen Informationen des BBK besteht deshalb noch keine allgemeine Registrierungspflicht nach dem KRITIS-Dachgesetz. Die betreiberseitigen Pflichten zu Risikoanalysen und Resilienzmaßnahmen werden grundsätzlich erst neun beziehungsweise zehn Monate nach der jeweiligen Registrierung wirksam.

Das Gesetz ist also bereits geltendes Recht, während wesentliche praktische Umsetzungsschritte noch ausstehen.

Die fachliche Richtung ist dennoch erkennbar. Betreiber müssen sich nicht ausschließlich gegen einzelne technische Ausfälle oder Cyberangriffe absichern, sondern auch Abhängigkeiten und andere Gefährdungen berücksichtigen, die ihre kritischen Dienstleistungen beeinträchtigen können.

Eine mehrjährige Dürre mit extremer Hitze ist ein geeignetes Beispiel dafür, warum eine solche Betrachtung notwendig ist.

Was sich nach der Übung zeigen muss

Die LÜKEX 2026 findet in einer Phase statt, in der die öffentliche Aufmerksamkeit für Krisenvorsorge deutlich gestiegen ist. Erfahrungen aus der Pandemie, großflächigen Hochwasserereignissen, Energieversorgungskrisen und Cyberangriffen haben die Bedeutung funktionierender Führungs- und Koordinierungsstrukturen unterstrichen.

Das Dürreszenario ergänzt diese Erfahrungen um eine andere zeitliche Dimension.

Es geht um eine Entwicklung, die sich über Jahre aufbauen kann, zahlreiche Beteiligte betrifft und möglicherweise erst spät als übergreifende Krise wahrgenommen wird.

Die Übung bietet die Gelegenheit, bestehende Strukturen und Verfahren unter solchen Annahmen zu überprüfen. Ob sie sich tatsächlich bewähren, lässt sich am ersten Übungstag noch nicht beurteilen.

Das BBK plant, im ersten Quartal 2027 einen Bericht mit zentralen Erkenntnissen und Handlungsempfehlungen zu veröffentlichen. Ein ausführlicher Auswertungsbericht soll im dritten Quartal 2027 folgen.

Interessant wird insbesondere sein, ob Schwierigkeiten bei der gemeinsamen Lagebewertung, der Priorisierung knapper Ressourcen oder der Abstimmung zwischen staatlichen Stellen und Betreibern Kritischer Infrastrukturen sichtbar werden.

Ebenso wichtig ist, was anschließend aus diesen Erkenntnissen wird.

Die frühere Risikoanalyse zur Dürre hat bereits 2019 zahlreiche mögliche Schwachstellen beschrieben. Die Nationale Wasserstrategie formuliert seit 2023 langfristige Ziele für einen widerstandsfähigeren Umgang mit Wasserressourcen. Mit dem KRITIS-Dachgesetz wurde 2026 ein weiterer regulatorischer Rahmen geschaffen.

Die LÜKEX kann nun überprüfen, wie gut die beteiligten Organisationen auf eine entsprechende Krisenlage vorbereitet sind.

Für eine tatsächliche Verbesserung der Krisenvorsorge werden aber vor allem die Maßnahmen maßgeblich sein, die nach der Übung umgesetzt werden. Dazu gehören die Beseitigung erkannter organisatorischer Schwächen, belastbare Absprachen zwischen den zuständigen Stellen und die erneute Überprüfung der getroffenen Vorkehrungen.

Die Voraussetzungen für eine langanhaltende Dürre entstehen über Jahre. Ebenso langfristig muss die Vorbereitung auf ihre möglichen Folgen angelegt sein.


Quellen

  1. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), 02.11.2026: LÜKEX 26: Große übergreifende Krisenmanagementübung startet
  2. BBK, Hintergrundinformationen zur LÜKEX 2026: LÜKEX 26 – Dürre und Hitzewelle: Szenario, Übungsziele und Beteiligte
  3. Deutschlandfunk, 04.11.2026: Nationale Krisenübung zu Dürre und Hitzewelle startet
  4. Land Niedersachsen / BBK, 2026: LÜKEX 2026 – Informationen und FAQ zu Übungszielen, Szenario und Krisenkommunikation
  5. Deutscher Bundestag, Drucksache 19/9521, 12.04.2019: Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2018 – Dürre
  6. Umweltbundesamt, aktualisiert am 05.08.2026: Trockenheit in Deutschland – Fragen und Antworten
  7. Umweltbundesamt, aktualisiert am 06.05.2026: Nationale Wasserstrategie
  8. Statistisches Bundesamt, 2022: Niedrigwasser 2018 und die Auswirkungen auf die Binnenschifffahrt
  9. Statistisches Bundesamt, 2025: Wassereinsatz der deutschen Wirtschaft im Jahr 2022
  10. Robert Koch-Institut, 17.09.2026: Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität, KW 36/2026
  11. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Hohe Raumtemperaturen in Arbeitsstätten
  12. Bundesministerium der Justiz: Wasserhaushaltsgesetz, § 50 – Öffentliche Wasserversorgung
  13. BBK, 2026: FAQ zum KRITIS-Dachgesetz – Inkrafttreten, Registrierung und Resilienzpflichten

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